Geschichte der Juden in Baden

2021

Seit 1700 Jahren leben Jüdinnen und Juden nachweislich auf dem Gebiet des heutigen Deutschland, ein Jubiläum das 2021 mit einem großen Festjahr begangen wird. Unter dem Namen #2021JLID - Jüdisches Leben in Deutschland gestaltet und koordiniert der dafür gegründete Verein 321-2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland e.V. bundesweit über 1.000 Veranstaltungen und Projekte mit dem Ziel, jüdisches Leben sichtbar und erlebbar zu machen und dem erstarkenden Antisemitismus etwas entgegenzusetzen. In diesem Rahmen finden auch in Baden-Württemberg Konzerte, Ausstellungen, Musik, Video-Projekte, Theater, Filme u.v.m. statt. In Kooperation mit den beiden Israelitischen Religionsgemeinschaften Baden (IRG Baden) und Württemberg (IRGW) hat das Staatsministerium eine Übersicht der Veranstaltungen im Land zusammengestellt.

2020

Der weltweite Ausbruch des bis dahin unbekannten Coronavirus SARS-CoV-2 verursacht die dritte und bisher schwerste Pandemie des 21. Jahrhunderts. Die dynamische Entwicklung und rasche Ausbreitung der Krankheit hat massive Einschnitte in das öffentliche Leben und in das Privatleben vieler Bürger zur Folge. Wochenlang kommt das g´ttesdienstliche Leben in den jüdischen Gemeinden zum Erliegen, danach regeln neu aktualisierte staatliche Verordnungen und Hygienekonzepte zur Eindämmung der Pandemie die Durchführung der G´ttesdienste und die Zusammenkünfte an Festtagen. Die IRG Baden, die jüdischen Gemeinden und Rabbiner gestalten mit Flexibilität und Engagement den religiösen und gemeinschaftlichen Zusammenhalt der jüdischen Gemeinschaft in Baden.

2019

Mitgliederzahl der IRG Baden: 5.132 (Quelle: ZWST und Zentralrat der Juden in Deutschland)

 

10. November 2019
Einweihung der neuen Synagoge Konstanz

Von 2016 bis 2019 wird die neue Synagoge Konstanz gebaut. Der mitten in der Konstanzer Innenstadt gelegene Neubau wird auf einer nur acht Meter breiten Baulücke in Verbindung mit der Integration und Sanierung des nebenstehenden historischen Gebäudes des ehemaligen Gasthaus "Anker" erstellt. Flache lange Ziegel in zwei Farben prägen die Außenfassade der Synagoge mit Gemeindezentrum. Die Einweihung findet 2019 in Anwesenheit des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann statt.

2017

19. Februar 2017
Einweihung der neuen Synagoge Rottweil

Von 2016 bis 2017 wird die neue Synagoge Rottweil gebaut. Der Neubau am Nägelesgraben ähnelt einem dreiteiligen Zelt in Anlehnung an das Stiftszelt. Ein markanter Davidstern ziert die Außenfassade des Gebäudekomplexes, in dem sich neben der Synagoge auch das Gemeindezentrum mit Gemeinderäumen, eine koschere Küche sowie eine Mikwe befinden. Die Einweihung der neuen Synagoge in Rottweil findet in Anwesenheit des Präsidenten des Zentralrat der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster sowie des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann statt.

2016

Die Synagogen in Emmendingen, Lörrach und Pforzheim werden auf die jüdischen Gemeinden überschrieben.

2010

18. Januar - Unterzeichnung des Staatsvertrags mit dem Land Baden-Württemberg.

29. September - Überreichung der IRG Baden-Verdienstmedaille an Günther Oettinger, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, 2005-2010.

2008

9. November 2008
Einweihung der neuen Synagoge Lörrach

Von 2007 bis 2008 wird die neue Synagoge Lörrach im Zentrum der Stadt Lörrach erstellt. Zum würfelförmigen Gebäude an der Ecke Spital-/Rainstraße gehört neben der dreigeschossigen Synagoge auch das jüdische Gemeindezentrum. Streben an den offenen Quadraten der Außenfassade stellen den Davidstern dar. Einzelne Segmente sind mit gelbem Glas gefüllt.

2007

Die IRG Baden K.d.ö.R. ist in die zehn jüdischen Gemeinden: Emmendingen, Pforzheim, Baden-Baden, Freiburg, Heidelberg, Karlsruhe, Rottweil/Villingen-Schwenningen, Lörrach, Mannheim und Konstanz untergliedert.

2006

15. Januar 2006
Einweihung der neuen Synagoge Pforzheim

Die neue Synagoge der Jüdischen Gemeinde Pforzheim entsteht von 2004 bis 2006 im dreistöckigen Gebäude der ehemaligen LBZ an der Emilienstraße 20-22. Die Einweihung der neuen Synagoge findet 2006 in Anwesenheit des früheren aschkenasischen Oberrabbiners von Jerusalem Israel Meir Lau und des damaligen Ministerpräsidenten Baden-Württembergs Günther Oettinger statt.

2005

12.2.2005
Einweihung der neuen Synagoge Emmendingen

Seit 1999 befindet sich die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Emmendingen in einem mehrstöckigen Turm mit Blick auf den Schwarzwald und die Vogesen. Nach einem Umbau von 2003 bis 2005 wird die Synagoge im Februar 2005 feierlich eingeweiht.

1994

6. Januar 1994
Einweihung der neuen Synagoge Heidelberg

Die neue Synagoge mit Gemeindezentrum in Heidelberg wird von 1992 bis 1994 in der Weststadt auf dem Gelände Häusserstraße 10-15 gebaut. Die eindrucksvollen blauen Glasfenster des Gebetssaals sind ein Werk des englischen Künstlers Brian Clarke.

ab 1990

Ab den 1990er Jahren wachsen die badischen Gemeinden durch den Zuzug von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion stark an.

1989

Mitgliederzahl der IRG Baden: 1.259 (Quelle: ZWST und Zentralrat der Juden in Deutschland)

1987

13. September 1987
Einweihung der neuen Synagoge Mannheim

Von 1985 bis 1987 wird in Mannheim eine neue Synagoge mit Gemeindezentrum in F3 gebaut. Zum Gebäudekomplex gehört ein fünfgeschossiger Baublock mit Läden, Seniorenwohnungen, Sozialwohnungen und Studentenappartements, die von jüdischen und nichtjüdischen Mietern bewohnt werden.


5. November 1987
Einweihung der neuen Synagoge Freiburg

Die neue Synagoge in Freiburg wird von 1985 bis 1987 an der Ecke Nußmannstr. 14/Engelstr. in enger Nachbarschaft zum Münster erbaut. Zwei eicherne Türflügel der alten Synagoge sind im Neubau integriert.

1971

4. Juli 1971
Einweihung der neuen Synagoge Karlsruhe

In Karlsruhe wird 1971 die erste Synagoge nach der Shoa gebaut. Die Synagoge hat einen sechseckigen Grundriss, die Dachkonstruktion bildet ein Davidstern. Im Büroanbau in der Knielanger Allee 11 befindet sich der Sitz der IRG Baden K.d.ö.R.

1953

Der in Nordbaden wiedergegründete Oberrat der Israeliten schließt sich mit der jüdischen Landesgemeinde in Südbaden zur Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden zusammen.

1948

14. Mai - Gründung des Staates Israel, dadurch Einwanderungsmöglichkeit. Schließung der DP-Lager in Deutschland.

1945 Untergang und Neubeginn

Sechs Millionen europäischer Juden werden im Dritten Reich durch die Nazis und ihre Helfershelfer ermordet. Europa ist zu einem jüdischen Friedhof geworden und die jüdischen Gemeinden sind zerstört. Erst der Sieg der Alliierten beendet im Mai 1945 das Grauen der Shoa. Die meisten der deportierten badischen Juden haben die Zeit der Nationalsozialisten nicht überlebt. Nur etwa vierzig Juden kehren 1945 in ihre Heimatorte in Baden zurück oder haben dort überlebt.

Ende 1945 entstehen wieder jüdische Gemeinden in Karlsruhe, Mannheim und Heidelberg. Die jüdische Gemeinde Freiburg wird zunächst unter "Israelitische Landesgemeinde Südbaden" wiedergegründet. In Konstanz bildet sich eine kleine jüdische Gemeinde, zunächst noch in engem Zusammenhang mit der jüdischen Gemeinde Kreuzlingen, Kanton Thurgau. Doch viele Jahre fühlen sich die meisten der zurückgekommenen oder neuangekommenen Juden wie "auf gepackten Koffern sitzend". Durch die Verfolgung gezeichnet, konnten oder wollten viele nicht mehr woanders hin.

1942

20. Januar - streng geheim gehaltene Konferenz in einer Villa am großen Wannsee 56-58 in Berlin von fünfzehn hochrangigen Vertretern der nationalsozialistischen Reichsregierung und der SS-Behörde, um unter dem Vorsitz des SS-Obergruppenführers Reinhard Heydrich die Deportation der gesamten jüdischen Bevölkerung Europas zur Vernichtung in den Osten im Detail zu organisieren und die Koordination der beteiligten Instanzen sicherzustellen. Der nach der Shoa geprägte Begriff "Wannseekonferenz" ergab sich aus dem Tagungsort. Heute ist das Haus Gedenkstätte für den Holocaust.

1941

Nach einer Schätzung bleiben 1941 noch 700 badische Juden übrig, die in "gemischten Ehen" leben. Viele der verbliebenen badischen Juden werden bis 1945 deportiert, etwa in das KZ Theresienstadt. Einzelne können sich im Untergrund verstecken. Der NS-Staat nimmt ein Maximum an Besitz und Vermögen der Deportierten. Der von Gauleiter Robert Wagner ernannte "Generalbevollmächtigter für das jüdische Vermögen in Baden", Carl Dornes (Jurist und Verwaltungsbeamter, 1906-1980), ist mit dem Raub an den Juden beauftragt. In dieser Funktion veranlasst er die dafür neu gebildeten Abteilungen der Landratsämter bzw. Polizeipräsidien das Vermögen der Deportierten zu erfassen, ihre Wohnungen zu versiegeln, Inventarlisten zu erstellen und Versteigerungen anzuberaumen. Insgesamt verwalten und verwerten die Abteilungen das Vermögen der bis Oktober 1940 aus Baden ausgewiesenen deportierten Juden im Gesamtwert von 60 Millionen Reichsmark.

Staatliche Museen, auch in Baden, bereichern sich an den Kunstsammlungen vermögender Juden. Mit der "Washingtoner Erklärung" im Jahr 1998 unterzeichnen 44 Staaten, darunter die Bundesrepublik Deutschland, ein internationales Reglement für das Auffinden und die Rückgabe von Raubkunst. Heute ist Restitution von Raubkunst und die Provenienzforschung von in der NS-Zeit unrechtmäßig entzogener Kunst ein zentrales und arbeitsintensives Forschungsfeld der Museumsarbeit.  

Abb.: Der Raub jüdischer Sammlungen durch badische Museen
Generallandesarchiv Karlsruhe (441 Zugang 1981 Nr. 389)

1940

22. Oktober - Bei der Deportation (nach den verantwortlichen Gauleitern auch Wagner-Bürckel-Aktion benannt) werden 14 Monate vor dem Beginn der organisierten Deportationen der europäischen Juden in die Vernichtungslager im Osten 5.617 Juden aus Baden, 826 Juden aus der Pfalz und 145 Juden aus dem Saarland in das Internierungslager Gurs in Südfrankreich verschleppt. Viele von ihnen sterben in Gurs oder werden ab 1942 in die Vernichtungslager im Osten deportiert und dort ermordet. Nahezu alle verbliebenen Juden in Deutschland und in allen von Deutschen besetzten Ländern werden bis 1945 zur "Endlösung der Judenfrage" erst in europäische Ghettos, später in Konzentrationslager deportiert und auf industrielle Weise systematisch in Vernichtungslager ermordet. Viele müssen zuvor Zwangsarbeit verrichten. Ihr Vermögen und ihr Besitz wird eingezogen.

Am 22. Oktober 1940 werden die badischen Juden verhaftet und zusammen mit ihren Glaubensbrüdern aus der Pfalz und dem Saargebiet nach Frankreich deportiert. Sie kommen in das Internierungslager Gurs am Fuße der Pyrenäen. Das Lager Camp de Gurs ist mit insgesamt ca. 19.000 Inhaftierten, davon über 6.500 Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saargebiet, völlig überfüllt.

Abb.: Internierungslager Gurs, Häftlinge hinter Stacheldraht
Hauptstaatsarchiv Stuttgart (EA 99/001 Bü 304 Nr. 28)


Da es an den Abhängen der Pyrenäen oft regnet, verwandelt sich das Lager regelmäßig in einen Morast. Besonders ältere Menschen sind dem nicht gewachsen. Viele der nach Gurs deportierten badischen Juden sterben aufgrund der schlechten Lagerbedingungen. Ab August/September 1942 werden die überlebenden Deportierten über das berüchtigte Sammel- und Durchgangslager Drancy, ca. 20 km nordöstlich von Paris, in die Vernichtungs- und Todeslager nach Osteuropa transportiert, wo die meisten von ihnen ermordet werden.

Abb.: Alte Frau mit Krückstock im Morast
Hauptsaatsarchiv Stuttgart (EA 99/001 Bü 304 Nr. 12)

1938

9./10. November - In der Reichspogromnacht werden in ganz Deutschland und in Baden Synagogen, Betstuben und sonstige Versammlungsräume angezündet und zerstört, tausende Geschäfte und Wohnungen geplündert und jüdische Friedhöfe geschändet. Viele Juden werden misshandelt, verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Wer kann versucht ins Exil zu fliehen.

Mosbach:
In Mosbach wird am Morgen des 10. November 1938 das Inventar der Synagoge öffentlich verbrannt und die Schuljugend dazu auf den Platz bestellt. Der Bürgermeister, ein Jurist aus Heidelberg, hält eine Brandrede.

Abb.: Das November-Pogrom 1938 in Mosbach
Generallandesarchiv Karlsruhe (309 Nr. 5407)



Baden-Baden:
In Baden-Baden werden die männlichen jüdischen Bürger am Morgen des 10. November 1938 aus ihren Häusern geholt und von der SS an pöbelnden Zuschauern vorbei in einem zweistündigem Zwangsmarsch zur Synagoge gebracht. Gegen 12:00 Uhr erreichen sie das jüdische G´tteshaus, wo sich eine große Menschenmenge versammelt hat. Die jüdischen Männer werden angespuckt, geschlagen und misshandelt und in die Synagoge gedrängt.


Um 14:00 Uhr werden die geschlagenen und misshandelten Männer aus der Synagoge in das nahegelegene jüdische Hotel "Central" (Stephanienstr. 2) verbracht. Etwa 50 von ihnen werden zum Bahnhof transportiert und in einem Sonderwagen in das Konzentrationslager Dachau verschleppt.


Bereits um 8:00 Uhr raubt die Gestapo Kultgegenstände der Synagoge. Kurz nachdem die jüdischen Männer am Nachmittag die Synagoge verlassen, legen Mitglieder der SS mit Benzin Feuer in der Synagoge. Die in Brand gesteckte Baden-Badener Synagoge brennt völlig aus und wird in den folgenden Wochen abgebrochen. Die Gemeinde muss für den Abbruch aufkommen.

Abb.: Das November-Pogrom 1938 in Baden-Baden
Generallandesarchiv Karlsruhe (Bü 305 Nr. 101)

1933-1938

In der Zeit des Nationalsozialismus werden etwa 2.000 antijüdische Gesetze und Verordnungen erlassen. Begründet wird der systematische Terror mit Verschwörungstheorien, Unwahrheiten und Rassenlehre. Die Juden werden aus dem Arbeitsleben gedrängt und nach und nach ihrer Bürgerrechte beraubt. Unter dem zunehmenden Druck und den Repressalien emigrieren viele Juden ins Ausland. Ihr Vermögen wird konfisziert.

8.725 Juden leben 1938 in Baden.

1933

20.617 Juden leben 1933 in Baden.

5. März - bei der Reichstagswahl erhält die NSDAP 43,9 Prozent der Stimmen (45,4 Prozent in Baden). Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten setzt die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung ein, mit dem Ziel der systematischen Vertreibung und Vernichtung der deutschen Juden.

1920er Jahre

Die Weimarer Republik bringt eine Reihe von Verbesserungen für Juden, Gemeinden werden Körperschaften des öffentlichen Rechts. Anstieg von Antisemitismus und Stärkung der rechtsradikalen völkischen Parteien. Die NSDAP erringt bei der Reichstagswahl am 20. Mai 1928: 2,6 Prozent Stimmen (2,9 Prozent in Baden), zwei Jahre später bei der Reichstagswahl am 14. September 1930: 18,3 Prozent Stimmen (19,2 Prozent in Baden).

24.064 Juden leben 1925 in Baden.

1918/1919

Nach Ende der konstitutionellen Monarchie der Kaiserzeit beginnt mit der Ausrufung am 9. November 1918 die parlamentarische Demokratie der Weimarer Republik. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg sehen sich nun viele Juden mit dem Vorwurf des Vaterlandsverrats konfrontiert. Von der deutschen Obersten Heeresleitung wird die Verschwörungstheorie der "Dolchstoß-Legende" in Umlauf gebracht, um die Schuld der von ihr zu verantwortenden militärischen Niederlage abzuwälzen: im Verbund mit Liberalen und Sozialdemokraten seien die Juden dem deutschen Heer in den Rücken gefallen, hätten sich am Krieg bereichert und würden den jüdisch-bolschewistischen Umsturz planen. Juden sind in den ersten Nachkriegsjahren die Sündenböcke für Inflation und soziales Elend. Ab Herbst 1918 erscheinen zahlreiche deutsch-völkische Flugblätter mit antisemitischer Propaganda und hemmungsloser Hetze. Antisemitische Vorfälle häufen sich, meist gelenkt von "vaterländischen" Politikern, die mit den demokratischen Reformen einen Teil ihrer Privilegien verloren haben. Die badischen Juden wehren sich gegen die antisemitische Bewegung. In Baden-Baden z.B. geht die Lokalsektion "Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" (C.V.) mit einem Plakat gegen "judenfeindliche Hetzer" vor.

1914-1918

Seit 1809, lange vor der Gleichstellung, sind badische Juden militärdienstpflichtig. Doch auch nach der bürgerlichen Gleichstellung 1862/72 begegnen ihnen weiter Vorurteile und Ablehnung, eine Offizierslaufbahn in der preußischen Armee ist ihnen verwehrt. Viele deutsche Juden sind bei Kriegsausbruch davon überzeugt, ihren Patriotismus mit dem Einsatz im Wehrdienst beweisen zu können und als echte deutsche Bürger anerkannt zu werden. Tatsächlich kämpfen rund 100.000 deutsche Juden im Ersten Weltkrieg, davon rund 77.000 direkt an der Front. Anders als zuvor können sie nun befördert werden. Zwischen 1914 und 1918 dienen etwa 30 Feldrabbiner an der Front. Zu Beginn des Krieges erfahren jüdische Soldaten Anerkennung und werden als vollwertige Kameraden angesehen. Bis November 1915 werden 710 deutsche Juden Offiziere. Doch mit fortschreitendem Kriegsverlauf verstärken antisemitische Organisationen ihre judenfeindliche Hetze und geben an das Preußische Kriegsministerium zahlreiche Petitionen und Eingaben ein, viele Juden seien "Drückeberger" und würden sich dem "Dienst am Vaterland" entziehen. Die daraufhin angeordnete umstrittene "Judenzählung 1916" wird nie veröffentlicht werden. Jedoch zeigen bereits die an Juden vergebenen 30.000 Tapferkeitsauszeichnungen, wie falsch die Beschuldigungen sind. Ihr Anteil im Heer entspricht ihrem prozentualen Anteil in der Bevölkerung. Die Zählung sorgt für Empörung, doch ist der Schaden angerichtet mit weitreichenden Folgen.

Im ersten Weltkrieg fallen rund 12.000 deutsche Juden. In der Regel werden im Gedenken an die Gefallenen in Baden gemeinsame Gedenkveranstaltungen von Christen und Juden veranstaltet. Teilweise werden auch gemeinsame Gedenksteine errichtet, wie z.B. in Flehingen. Zwischen 1933 und 1945 werden an einigen Orten die Namen der jüdischen Gefallenen ausgemeißelt.

Für die jüdischen Soldaten gab der Verband der deutschen Juden in Berlin ein kleines Militärgebetbuch heraus, das kurze Auszüge aus der jüdischen Liturgie auf deutsch und hebräisch enthält.

Abb.: Feldgebetbuch für die jüdischen Mannschaften des Heeres, 1914
Das Buch enthält 29 deutsche und 23 hebräische Seiten, eingeschlossen deutsche Lieder
Generallandesarchiv Karlsruhe (456 F 42 Nr. 292)

1900

26.134 Juden leben 1900 in Baden.

1896

Der Oberrat blickt auf das zu Ende gehende 19. Jahrhundert zurück, in dem sich die jüdische Religionsgemeinschaft mit rund 20.000 Mitgliedern zwischen Diskriminierung, Anpassung und jüdischem Selbstbewusstsein behaupten konnte. Gesellschaftliche und geschäftliche Kontakte gehen ineinander über. In das Wirtschaftsleben sind die badischen Juden fest integriert. Wo man es zulässt, nehmen Juden Anteil an der Vereinskultur oder begründen sie mit. In modernen und aufgeschlossenen Turnvereinen, Fußball- und Radfahrerclubs wie auch bei der Freiwilligen Feuerwehr sind Juden oft mit dabei. In Karlsruhe ist der Oberrat der Israeliten Badens bis in die 1890er Jahren hinein ein weitgehend von der Regierung bestimmtes Gremium, das jüdische Familien aus Karlsruhe prägen. 1894 beruft der Oberrat eine Israelitische Synode ein, da Gemeindemitglieder mehr und mehr direktes Mitspracherecht fordern. Eine neue Satzung spricht nun allen männlichen Mitgliedern und den Rabbinern neue institutionelle Mitspracherechte zu. Der Oberrat, der seit 1884 Herausgeber des "Verordnungsblatt des Oberrats der Israeliten" ist (ein Gesetzblatt für die jüdischen Gemeinden im Großherzogtum Baden) und der 1809 ursprünglich neben seiner Funktion zur Ausbreitung von moderner Bildung unter badischen Juden auch als Instrument zur Berufsumschichtung gedacht war, erweist sich immer mehr als Förderer eines Zusammenhalts, der anderen jüdischen Gemeinschaften zu dieser Zeit in Deutschland fehlt. Der Oberrat unterstützt soziale Einrichtungen, die für die gesamte jüdische Gemeinschaft Badens nützlich sind. Lehrer und Rabbiner erhalten aus einem zentralen Fonds Gehaltszuschläge und Zuschüsse zu ihren Renten, Fortbildungen werden finanziert und Reisekosten für Wanderlehrer bezahlt. Arme Landgemeinden erhalten Zuschüsse für Renovierungsmaßnahmen an Synagogen, Friedhöfen und Kunstgegenständen sowie zum Kauf von neuen Kultgeräten. Oft wird der Oberrat zur Schlichtung innerjüdischer Streitigkeiten gerufen.

Geburtstagsgabe des Oberrats der Israeliten an den Großherzog Friedrich I. aus Baden zum 70. Geburtstag im Jahr 1896. Die Kassette mit professionellen Fotos von Synagogen in Baden (mit Außen- und Innenaufnahmen) ist eine Würdigung für den Einsatz des Großherzogs gegen die neu aufkommende antisemitische Bewegung, die 1893 anlässlich der Reichstagswahlen auch in Baden erste Erfolge feiert. Auch das unter der Verwaltung des Oberrates stehende 1898 erbaute und 1909 erweiterte jüdische Alters- und Krankenheim in Karlsruhe wird nach dem Großherzog benannt.

Abb.: Jubiläumsausgabe des Oberrates, 1896
Kassette mit Fotokartons, Passepartouts mit Originalfotos 46x57cm

Generallandesarchiv Karlsruhe (69 Baden, Sammlung 1995 F / Nr. 230)

1876

Die badische Regierung entschließt sich Simultanschulen einzuführen, d.h. Schüler verschiedener Konfessionen gleichzeitig (simultan) zu unterrichten. Seit 1814 sind in Baden an über vierzig Orten jüdische Volksschulen entstanden. Nun werden in Orten mit größerem jüdischen Bevölkerungsanteil jüdische Lehrer in den öffentlichen Dienst übernommen. Das Judentum ist seit jeher offen gegenüber Lernen und Bildung. So beteiligen sich Mannheimer Juden an der Gründung einer Realschule für Jungen und einer Töchterschule. Die badische Regierung drängt auf eine gymnasiale und akademische Ausbildung der Rabbiner. Der promovierte "Doktorrabbiner" wird zum Ideal. Viele Juden studieren und finden Zugang zu den Freien Berufen als Anwälte oder Ärzte. Auch jüdische Frauen erwerben Bildung. Viele durchlaufen eine formalisierte kaufmännische Bildung und eröffnen Ladengeschäfte. Die meisten der badischen Juden arbeiten sich in den Mittelstand empor. Einzelne machen noch weiter Karriere z.B. Familie Homburger in Karlsruhe im Bankwesen oder Familie Knopf in der Warenhausbranche. Aus dem kleinen Ort Heidenheim stammen drei einflussreiche Persönlichkeiten: Meyer Sulzberger (1847-1923) wandert in die USA aus und wird Vorsitzender des American Jewish Comittee und Präsident der wichtigen Jewish Publikation Society; Isaac Bär (1857-1922) macht eine Banklehre in Basel, nennt sich später "Julius" und gründet 1901 eine Privatbank, die noch heute in Zürich existiert; die Nachkommen des modern-orthodoxen Rabbiners Salomon Carlebach (1845-1919) wirken bis heute als Rabbiner in England, Israel und USA. Aus dem kleinen Gondelsheim entstammt Jakob Hecht (1879-1963), der nach seiner Ausbildung in Bruchsal und Belgien die große "Rhenania-Schiffahrtsgruppe in Mannheim gründet.

Andere Juden und Christen wiederum sehen sich durch die wirtschaftlichen Verhältnisse veranlasst, nach Amerika auszuwandern. Diese Verbindungen zu den Auswandernden werden in der späteren NS-Zeit die Emigration von verwandten badischen Juden ermöglichen, die als Voraussetzung zur Zuwanderung eine Garantie für den Lebensunterhalt benötigen.

1870-71

Nach dem deutsch-französischen Krieg antisemitische Übergriffe.

1862

24.099 Juden leben 1862 in Baden.

13. August - Gesetz über die bürgerliche Gleichstellung der Israeliten als Gemeindebürger im Großherzogtum Baden.

Die Mehrheit der badischen Juden wohnt auf dem Land. Die Religionsgemeinschaft untergliedert sich in 221 Orten in 123 jüdische Gemeinden und viele Filialgemeinden. Die badischen Juden sind vor allem im Landhandel mit Rindvieh, Pferden, Textilien, Wein, Alteisen, Leder, Häuten und Lumpen tätig. Wo der jüdische Bevölkerungsanteil bedeutend ist, bildet jüdisches Leben einen wichtigen Teil des Alltags, etwa im südbadischen Gailingen und Randegg. Mit dem Aufkommen der Eisenbahn und nach Erteilung der Freizügigkeit für die badischen Juden ziehen viele Juden in die Städte. Den in finanzielle Bedrängnis geratenen Landgemeinden hilft der Oberrat durch die neue "Israelitische Zentralkasse".

Zwei Lebensrhythmen gehen in den "Judendörfern" nebeneinander her. Die Bauern arbeiten am Samstag auf dem Feld, die jüdischen Händler besuchen die Synagoge. Das ländlich badische Judentum kann lange Zeit Teile der traditionellen jüdischen Kultur halten. Ihre Frömmigkeit ist mystisch geprägt, gewisse Gebräuche knüpfen an spätmittelalterliche Traditionen an. Das aus dem Spätmittelalter stammende Jüdisch-Deutsche oder Westjiddische ist lange Zeit Gruppensprache und hält sich z.B. in Gailingen bis in die NS-Zeit.

In Städten wie Mannheim oder Karlsruhe gibt es dagegen eine arrivierte bürgerliche Mittel- und Oberschicht.

1845

Nach Missernten folgen Hass und Gewalt gegen Juden im Odenwald und im Kraichgau.

Um 1844/45 entstehen drei religiöse Strömungen: die moderne Orthodoxie, der Konservatismus und der Liberalismus. Diese Gegensätze verfestigen sich mit der Gründung von drei wissenschaftlichen, privat finanzierten Rabbinerseminaren zwischen 1854 und 1873 in Breslau und Berlin. Streitpunkte sind der Einbau einer Orgel in Synagogen oder Änderungen der Gebete.

Eine eigene Verordnung des Oberrats sieht 1843 die Amtstracht für badische Rabbiner und jüdische Kantoren vor. Der Oberrat möchte dadurch mehr Respekt für die jüdische Religionsgemeinschaft erzeugen und das Ansehen stärken. Die gezeigten Lithographien stammen von Johann Michael Voltz, Grafiker und Maler (1784-1858).


Abb.: Amtstracht für badische Rabbiner, 1843
Generallandesarchiv Karlsruhe (69 Baden, Sammlung 1995 F / Nr. 230)


Abb.: Amtstracht für badische jüdische Kantoren, 1843
Generallandesarchiv Karlsruhe (69 Baden, Sammlung 1995 F / Nr. 230)

1828

Steuerliche Gleichstellung - alle Sonderabgaben werden aufgehoben.

1819

Die antijüdischen Ausschreitungen der Hepp!-Hepp!-Krawalle (Hep-Hep-Unruhen) am 2. August 1819 in Würzburg greifen nach Baden über und müssen mit Militäreinsatz beruhigt werden. Die gewalttätigen Krawalle werden begleitet von Rufen wie "Hepp! Hepp! Jude verreck". Hintergrund sind schwierige politische, soziale und wirtschaftliche Veränderungen sowie die Diskussion um die Emanzipation der Juden, die man für angebliche und tatsächliche Probleme verantwortlich macht.

In Baden kommt es ab August 1819 in Karlsruhe, Mannheim, Pforzheim, Bühl und anderen Orten zu Ausschreitungen gegen Juden. Ein Klima der sozialen Unrast hat sich nach Missernten im Jahr 1817 ausgebreitet. Der kolorierte Stich zeigt die Vorgänge in Frankfurt. Ausgehend von Würzburger Unruhen machen tendenziöse Presseberichte die Unruhen in ganz Deutschland bekannt und wirken wie ein Aufruf zur Nachahmung. In einer Welle antijüdischer Ausschreitungen folgen heftige Angriffe auf Juden an vielen deutschen Orten und Städten, die später auch auf Prag, Graz, Wien, Amsterdam, Kopenhagen, Helsinki und Krakau übergreifen.

Abb.: Kolorierter Stich "Hepp! Hepp!" von Johann Michael Voltz, Grafiker und Maler (1784-1858), Rahmeninschrift "Frankfurt 1819"
Generallandesarchiv Karlsruhe (J-D-J Nr. 1)

1809

13. Januar - Das neunte Konstitutionsedikt zur Gleichstellung der Juden gewährt den als Staatsbürgern anerkannten badischen Juden mit dem Oberrat der Israeliten (der zunächst als "Oberrat der Staatsbürger Mosaischen Bekenntnisses" firmierte) den ersten jüdischen Landesverband in Deutschland. Die Israelitische Religionsgemeinschaft Baden wird durch staatliches Edikt als öffentlich-rechtliche Korporation verfasst. Das Edikt schreibt vor: allgemeine Schulpflicht, Erlernen eines Berufes, Wehrpflicht, Zugang zu akademischer Ausbildung, Annahme erblicher Familiennamen. Zum ersten Obervorsteher ernannte der Großherzog den Hoffaktor Elkan Reutlinger (1769-1818) in Karlsruhe. Von 1814 bis zu seinem Tod 1852 arbeitete Naphtali Epstein (1782-1852) als Oberratsschreiber beim Oberrat und setzte sich unermüdlich für die Emanzipation der badischen Juden ein.

Baden war nach Hamburg der zweite deutsche Staat, der die Emanzipation einführte. Großherzog Karl Friedrich von Baden (1728-1811) gewährte 1809 das Edikt über die Juden. Nach französischem Vorbild wurde der Oberrat der Israeliten geschaffen. Der Großherzog berief die Mitglieder des Oberrats der Israeliten aus den führenden Familien und setzte ihm 1812 einen christlichen Kommissär vor. Ziel war, die Juden zuerst umerziehen, um sie stufenweise an die christliche Mehrheitsgesellschaft anzupassen und zu integrieren und dann die Gleichberechtigung zu erteilen. Die Juden in Baden konnten sich lokal einbürgern, durften aber keine "direktiven" Stellen im Staat oder in der Kommune einnehmen. Sie mussten weiter um ihre Gleichberechtigung kämpfen.

Abb.: Edikt über die Juden, 13. Januar 1809
Generallandesarchiv Karlsruhe (230 Nr. 77)


Großherzog Karl Friedrich von Baden (1728-1811) ist einer der am längsten regierenden Monarchen der Geschichte. Als 18-jähriger Markgraf übernimmt er 1746 die Marktgrafschaft Baden-Durlach mit weniger als 90.000 Einwohner. Bei seinem Tod ist der 83-jährige Großherzog ein in ganz Europa angesehener, aufgeklärter Souverän eines mittelgroßen Fürstentums: des Großherzogtums Baden mit ca. 930.000 Einwohnern. In seiner langen Regierungszeit schafft er die Leibeigenschaft ab und fördert Schulen, Universitäten, Rechtsprechung, Verwaltung, Wirtschaft, Kultur und Städtebau. Auf seine Initiative gehen die Gründungen der Schmuck- und Uhrenindustrie sowie die erste Zeichenschule für Handwerker in Pforzheim zurück. In seiner Regentschaft erlässt er am 13. Januar 1809 das Edikt über die Juden. Das Grab Karl Friedrichs von Baden befindet sich in der Schloss- und Stiftskirche St. Michael in Pforzheim.

Abb.: Großherzog Karl Friedrich von Baden (1728-1811), Kupferstich
Generallandesarchiv Karlsruhe (J-AA-K Nr. 43)

1808

12.000 Juden leben 1808 in Baden. Karlsruhe und Mannheim entwickeln sich zu jüdischen Zentren.

Eine neue politische Lage entsteht zwischen 1803 und 1814 mit der Neuordnung Deutschlands. Die protestantischen Markgrafen von Baden sind die Gewinner der napoleonischen Epoche, sie können ihr Gebiet um ein Vielfaches vergrößern. Viele weltliche und geistliche Gebiete werden ihnen zugeteilt. 1806 werden sie Großherzöge und regieren nun über eine mehrheitlich katholische Bevölkerung. Vor 1806 gibt es in Deutschland keine Rechtsgleichheit. Adel, Geistliche und die Bürger vieler Städte haben bis dahin eigene Rechte und Gerichtsbarkeiten. Nun dürfen sich Juden am Geburtsort niederlassen und gewinnen damit ein Recht auf Heimat.

1782

Mit den Toleranzedikten leitet Kaiser Joseph II. eine allmähliche Verbesserung der jüdischen Lebensverhältnisse in den habsburgischen Erblanden ein. Die Juden sind meist einfache Hausierer, Makler, Vieh- und Pferdehändler. Ihre Betsäle liegen an unauffälligen Orten und sie müssen für ihre Familien Schutzbriefe kaufen, immer in Gefahr, nach deren Ablauf ausgewiesen zu werden. Wer das Schutzgeld nicht bezahlen kann, verliert sein Recht auf befristete Ansässigkeit und sinkt in den Wanderbettel ab. Nur Einzelne können sich emporarbeiten und dienen als Hoflieferanten. Da die Obrigkeiten immer mehr Abgaben von den Juden eintreiben, steigt die Zahl der Betteljuden, die von Gemeinde zu Gemeinde wandern und ihren Unterhalt suchen.

1715

Die Gründungsprivilegien für die Residenzstadt Karlsruhe bieten den badischen Juden günstige Niederlassungsmöglichkeiten. Wohlhabende Juden werden zur Beteiligung beim Aufbau der neuen Residenzstadt eingeladen.

1652

Die zum Wiederaufbau Mannheims angesiedelten Juden erhalten besondere Privilegien, die ihnen eine Ausnahmestellung unter den Juden der Kurpfalz verschaffen. Die wirtschaftlichen Aktivitäten der Mannheimer Juden sind überregional ausgerichtet, einer ihrer Schwerpunkte ist in der Reichsstadt Frankfurt a. Main. Juden dürfen in Mannheim nur leben, wenn sie sich verpflichten, innerhalb einer bestimmten Frist ein Steinhaus mit repräsentativer Fassade zu bauen. Sie machen im 18. Jahrhundert in der Mannheimer Gesamtbevölkerung etwa zehn Prozent aus.

1510/16

Der Humanismus entwickelt neues Interesse an hebräischer Kultur. Der Pforzheimer Gelehrte Johannes Reuchlin (1455-1522) wehrt sich gegen Bestrebungen jüdische Bücher zu verbrennen. Er wird dafür schwer angefeindet. Der Papst belegt ihn mit einem "ewigen Redeverbot" in dieser Sache. Der humanistische Gelehrte ist von der italienischen Renaissance und ihrem Interesse an der Dreiheit der Kulturen - der griechischen, lateinischen und hebräischen - geprägt. Er lernt in Linz beim kaiserlichen Leibarzt Jakob ben Jechiel Loans (gest. 1509) Hebräisch, um sich in die jüdische Mystik zu vertiefen im Bestreben, Beweise für die Christologie zu finden.

1390

Mit der Vertreibung der Juden aus der Kurpfalz beginnen die territorialen und städtischen Judenvertreibungen, die bis weit in die Neuzeit hinein das Schicksal der jüdischen Bevölkerung bestimmen.

1348/51

Der Vorwurf der Brunnenvergiftung zur Zeit der Beulenpest mündet in eine europaweite Judenverfolgung - die größte vor dem Holocaust. Über 400 jüdische Gemeinden werden vernichtet, viele Christen entledigen sich durch Mord ihrer Gläubiger, in Freiburg werden die Juden im Januar 1349 verbrannt. (Neuere Forschungen weisen nach, dass die Verfolgungen oft nicht spontan erfolgten, sondern vorher von Interessierten organisiert wurden, um daraus Profit zu schlagen.)

1336/38

In Franken, Schwaben und im Elsass treiben "Armlederbanden" ihr Unwesen und morden bis Bretten und Ettenheim.

1298

Bei Übergriffen, die von Franken bis an den Neckar ausstrahlen, werden an 130 Orten 3.500 bis 5.000 Juden getötet.

1241

Im sogenannten Reichssteuerverzeichnis werden erstmals jüdische Gemeinden in Schwäbisch-Hall, Esslingen, Ulm, Konstanz, Bopfingen und Überlingen erwähnt. Viele Juden sind Geldhändler, weil ihnen im mittelalterlichen Reich kaum andere Berufe offenstehen. In einigen Städten beträgt ihr Anteil an die fünfzehn Prozent der Gesamtbevölkerung.

1215

Die christliche Kirche ist bemüht um Distanz zu ihrer Mutterreligion und verlangt die Einführung eines "Judenzeichens", um geschlechtliche Kontakte zwischen Juden und Christen zu verhindern. Es bildet sich eine antijüdische Tradition, die im 13. Jahrhundert durch volkstümliche Vorstellungen von angeblichen Hostienschändungen (Lauda-Königshofen 1235) und Ritualmorden (Endingen am Kaiserstuhl 1462) verstärkt wird. Auf Kirchengebäuden, wie dem Freiburger Münster, finden sich bis heute Skulpturen und Glasfenster mit antijüdischen und diffamierenden Darstellungen. Die antijüdischen Traditionen können sich lange halten - in Lauda-Königshofen wird später eine Heilig-Blut-Kapelle in Erinnerung an die angebliche Hostienschändung (eventuell auf den Grundmauern der zerstörten Synagoge) gebaut.

11./12. Jahrhundert

Das geistige und kulturelle Zentrum des aschkenasischen Judentums im deutschen Sprachraum liegt in den Heiligen Drei Gemeinden Speyer, Worms und Mainz. Das jüdische Erbe der SchUM-Städte - Akronym aus den hebräischen Anfangsbuchstaben von Schpira (Speyer), Warmaisa (Worms) und Magenza (Mainz) - ist einzigartig, beeinflusst über Jahrhunderte die Architektur von Synagogen und Mikwaot und ist zutiefst prägend für die Kultur, die religiöse Strömung und die halachische Rechtssprechung der mittel- und osteuropäischen jüdischen Diaspora. Seit dem 10. Jahrhundert bilden sich am Rhein blühende jüdische Gemeinden, bedeutende jüdische Gelehrte und Dichter lassen sich in den Rheinstädten nieder und Talmudhochschulen entstehen. Einer der berühmtesten Gelehrten, die in SchUM studieren, ist Schlomo ben Jizchak - genannt Raschi, der 1060 aus Frankreich an das hoch angesehene Lehrhaus nach Worms und nach Mainz kommt. Der Ruhm des jüdischen Worms geht vor allem auf den berühmten Gelehrten zurück, dessen Kommentar bis heute in jedem babylonischen Talmud gedruckt wird und der 1065 nach Troyes zurückkehrt und dort ein eigenes Lehrhaus gründet. Herausragend sind auch Rabbenu Tam (gest. 1171), der Rechtsgelehrte Meir ben Baruch ("Maharam") aus Rothenburg (1220-1293) und der Mystiker Jehuda he-Chassid (1140-1217). Auf Versammlungen 1220 in Mainz und 1223 in Speyer entsteht Anfang des 13. Jahrhunderts das umfangreichste Werk jüdischer Gemeindesatzungen des aschkenasischen Mittelalters, das Takkanot Kehillot SchUM.

Von den SchUM-Städten breiten sich seit dem 11./12. Jahrhundert jüdische Siedlungen in die rechtsrheinische Region in das Gebiet des heutigen Baden-Württemberg aus.

Wiederholt werden die SchUM-Gemeinden zum Ziel von Pogromen und völliger Zerstörung. Die Judenverfolgungen zur Zeit des Ersten Kreuzzugs 1096 haben in der jüdischen Erinnerung tiefe Spuren hinterlassen. Viele Juden der SchUM-Städte werden ermordet, ihre Häuser geplündert und zerstört, die jüdischen Gemeinden ausgelöscht. Zwar kehren Juden 1097 zurück, doch die jüdischen Gemeinden erreichen nie wieder den Status vor den Massakern. Der Friedhof Heiliger Sand in Worms gilt als ältester erhaltender jüdischer Friedhof in Europa. Die ältesten der ca. 2.500 Grabsteine stammen aus dem 11. Jahrhundert. Aus der ganzen Welt kommen fromme Besucher, um auf dem Heiligen Sand die Gräber der hier bestatteten Rabbiner zu besuchen.

Abb.: Friedhof Heiliger Sand, Worms (Foto: Doro Treut-Amar)

321

11. Dezember - Edikt von Köln. Erlass eines Dekrets von Kaiser Konstantin als Antwort auf die Anfrage der Mitglieder des Stadtrates der Colonia Claudia Ara Agrippinensium (Köln). Das Dekret aus dem Jahr 321 gestattete Juden in den Provinzstädten die Berufung in die Kurie und in die Stadtverwaltung und gilt als die früheste erhaltene Quelle zur Existenz von Jüdinnen und Juden nördlich der Alpen in Mittel- und Nordeuropa. Der Beleg, dass bereits seit frühester Zeit Menschen jüdischen Glaubens auf dem Territorium des heutigen Deutschlands leben und seit 1.700 Jahren Teil der Bevölkerung, der Gesellschaft und der Geschichte sind, ist im Jahr 2021 Anlass zu einem deutsch-jüdischen Festjahres mit bundesweiten Veranstaltungen und Projekten.
Alle Informationen zum Festjahr: 321-2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland e.V.

 

Lit.: Landesarchiv Baden-Württemberg (Hrsg.) Bearbeitet von Uri R. Kaufmann zusammen mit Rainer Brüning: Gleiche Rechte für alle? Zweihundert Jahre jüdische Religionsgemeinschaft in Baden 1809-2009, Ostfildern 2009, ISBN 978-3-7995-0826-1