Das Internierungslager Gurs

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurden die Juden Schritt für Schritt aus dem öffentlichen Leben verbannt und ihrer Rechte und Existenzgrundlagen beraubt. Die antisemitische Politik setzte gezielt auf Ausgrenzung und Verdrängung der jüdischen Staatsbürger aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Öffentlichkeit. Mit dem Novemberpogrom 1938 begann für die jüdische Bevölkerung die Eskalierung der Gewalt, die Beraubung ihres Eigentums und die Vertreibung aus ihrer Heimat. Wer nicht rechtzeitig auswandern oder im Untergrund abtauchen konnte, war der Deportation und der Inhaftierung in Lagern ausgeliefert. Mit der gewaltsamen Verschleppung am 22./23. Oktober 1940 setzte für die Juden in Baden, dem Saarland und der Pfalz die letzte Stufe des Prozesses der Judenverfolgung ein, die für die meisten der Deportierten mit der systematischen Ermordung in den Vernichtungslagern im Osten enden sollte.

Die Deportation

Deportation der Juden aus Lörrach 22-10-1940

Am Morgen des 22. Oktober 1940 wurden die Juden in Baden von Polizeibeamten festgenommen und mit Bussen oder Lastwagen zu Sammelstellen transportiert. Die Aufnahme zeigt Lörracher Juden, die mit Koffern und Kleiderbündeln beladen aus der Sammelstelle in der Schule im Zentrum Lörrachs kommen, wo man sie eben leibesvisitiert und ihr Gepäck durchsucht hatte. Eine relativ große Zahl von Anwohnern, aber auch Jugendliche und Halbwüchsige im Hof der Schule und an den Fenstern, begaffen neugierig das Geschehen. Abb.: © Stadtarchiv Lörrach (StaLö2.29.19-wz)

Am frühen Morgen des 22. und 23. Oktober 1940 endete das jahrtausendalte jüdische Leben in Südwestdeutschland - rund 6.500 badische, pfälzische und saarländische Juden wurden von den Nationalsozialisten in der ersten großen Deportationsaktion des damaligen Deutschen Reiches festgenommen, in Bussen oder Lastwagen zu Sammelstellen gebracht und in Züge verfrachtet. Selbst die Menschen in den Altenheimen blieben nicht verschont. Es war eine unter strengster Geheimhaltung von der Gestapo und den notwendigen Regierungsstellen geplante Aktion, die von den Gauleitern Josef Bürckel (Saar/Pfalz) und Robert Wagner (Baden) angeordnet worden war und gezielt am vorletzten Tag der Feiertagswoche des jüdischen Laubhüttenfestes "Sukkot" stattfand. Die überraschten Opfer mussten in kürzester Zeit einige wenige Habseligkeiten packen und durften lediglich mitnehmen, was sie tragen konnten. Einige von ihnen nahmen sich aus Verzweiflung das Leben. Unter den Augen der Öffentlichkeit wurden die jüdischen Männer, Frauen und Kinder - alt und jung - auf öffentlichen Plätzen gesammelt und dann mit Lastwagen und Busse an die Bahnhöfe gebracht, völlig ahnungslos wohin sie gebracht werden würden. Nur wenige in "Mischehe" lebende oder transportunfähige Juden durften in Baden verbleiben. Stolz meldete der für Baden zuständige Gauleiter Robert Wagner am Abend nach Berlin, dass sein Gau als erster Gau im Reich "judenfrei" sei. Das Eigentum und der Hausrat der Deportierten wurde wenig später auf öffentlichen Versteigerungen günstig der Bevölkerung angeboten.

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Sammelstelle:
Ungewiss über ihr weiteres Schicksal warten die Lörracher Juden auf die Lastwagen, die sie zum Freiburger Bahnhof zur Deportation bringen sollen. Ein Offizier der Ordnungspolizei (3.v.re.) erteilt Anweisungen.
(2.v.re. Gestapo, re. Ordnungspolizeibeamter)
Abb.: © Stadtarchiv Lörrach (StaLö2.29.13-wz)

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Abtransport:
Die Deportation geschieht in aller Öffentlichkeit. Hier verlässt das letzte Transportfahrzeug vor mindestens einhundert Zuschauern die Sammelstelle, um die festgenommenen Lörracher Juden zum Freiburger Bahnhof zur Deportation zu bringen.
Abb.: © Stadtarchiv Lörrach (StaLö2.29.25-wz)


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Öffentliche Versteigerung:
Nur einige Wochen nach der Verschleppung der jüdischen Mitbürger finden in ihren Wohnungen und Häusern öffentliche Versteigerungen ihres Privateigentums statt. Wie hier in der Lörracher Grabenstraße 15 herrscht großer Andrang einer heiteren Menschenmenge auf Schnäppchenjagd.
Abb.: © Stadtarchiv Lörrach (StaLö2.43.4-wz) undatiert, wohl Nov. 1940

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Versteigerungsauktionen:
Während die Lörracher Juden unter den katastrophalen Zuständen im Lager Gurs leiden und sterben, scheint ihr Schicksal und die Unrechtmäßigkeit der Aneignung ihres Hab und Guts die Teilnehmer der Versteigerungsauktionen kaum zu berühren. Ein Beamter, vermutlich der Lörracher Ordnungspolizei, bei der Durchführung der Auktion im Winter 1940/41.
Abb.: © Stadtarchiv Lörrach (StaLö2.43.11-wz) undatiert

(Die im Lörracher Stadtarchiv entdeckte Serie von Originalnegativen zeigen, dass die Deportationen in Baden in aller Öffentlichkeit geschehen und die nachfolgenden Versteigerungen mit Beteiligung der Öffentlichkeit stattfinden. Der Lörracher Kriminalbeamte Kühner hat die Aktionen in Lörrach fotografisch festgehalten.)

Vier Tage und drei Nächte rollten sieben Eisenbahnzüge aus Baden und zwei Züge aus der Pfalz mit den Deportierten in das Gebiet der zuvor nicht drüber informierten und mit den Nationalsozialisten kollaborierenden französischen Vichy-Regierung, bis sie schließlich über Avignon und Toulouse nach Oloron-Sainte-Marie am Fuße der Pyrenäen gelangten. Einige ältere Menschen starben bereits unterwegs unter den Strapazen der Verschleppung. Im Regen wurden die Vertriebenen auf Lastwagen verladen und in das französische Internierungslager Gurs gebracht, das völlig unvorbereitet auf die rund 6.500 neu ankommenden Deportierten war.

Die Lagersituation

Camp de Gurs Luftbild

Camp de Gurs, Lagerhauptstraße und Baracken
Abb.: Landesarchiv Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart EA 99/001 Bü 304 Nr.1

Das größte französische Internierungslager "Camp de Gurs", das sich südlich der Stadt "Pau" nur ca. 80 km von der spanischen Grenze entfernt befand und 1939 zur provisorischen Unterbringung spanischer Bürgerkriegsflüchtlinge und französischer Kommunisten errichtet worden war, wurde zum Konzentrationslager. Stacheldraht sperrte die Inhaftierten von der Außenwelt ab. Die hygienischen Zustände des primitiven Lagers waren miserabel. Die heftigen Niederschläge am Gebirgszug der Pyrenäen verwandelten den Boden des Schwemmlandgebietes am Flüsschen Gave d´Oloron über die Hälfte des Jahres in eine feuchte sumpfige Schlammwüste. Einzig die gerade angelegte Straße, die mittig durch das ca. drei Kilometer lange Lager führte, war asphaltiert.

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Lagerzustände:
Die kaum vorhandenen und völlig verschlammten Latrinen sowie der vom vielen Regen fast dauerhaft durchtränkte, schwere und nicht passierbare Lehmboden bedeutete für viele der älteren Lagerinsassen Krankheit und Tod. Die schlechten sanitären Verhältnisse führten zu einer Ruhrepidemie, an der innerhalb von Wochen hunderte Menschen zu Grunde gingen.
Abb.: Hauptstaatsarchiv Stuttgart (EA 99/001 Bü 304 Nr. 14)

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Unterbringung und Hunger:
Körperlich und seelisch zerrüttet mussten die deportierten badischen Juden in primitiven dunklen Holzbaracken mit undichten Wänden leben. Die Lagerverpflegung war völlig unzureichend und enthielt nur rund 800 Kalorien, bestehend aus wenig Brot und zweimal täglich dünner Wassersuppe mit Mohrrüben, Kichererbsen und nur gelegentlich etwas Fleisch.
Abb.: Hauptstaatsarchiv Stuttgart (EA 99/001 Bü 304 Nr. 15)

Das Lager bestand aus insgesamt 382 Baracken, jede nach dem gleichen Schema gebaut, die in Ilôts ("Inselchen" bzw. Häuserblocks) mit ca. 22-30 Baracken aufgeteilt und durch Gräben und Stacheldraht voneinander getrennt waren. Die primitiven Holzbaracken waren ca. 6 Meter breit und hatten eine Länge von 24 Metern. Es gab weder sanitäre Einrichtungen noch Trennwände. Statt Fenster waren unverglaste Lichtluken in die Seitenwände eingebaut, die man mit Holzklappen verschließen konnte. Jede Baracke umfasste ca. 60 Schlafplätze mit Stroh. Möbel waren keine vorhanden, die Koffer der Internierten dienten auf dem verschmutzten Holzboden als Tische und Stühle. Nach ihrer Ankunft wurden die Frauen und die Männer voneinander getrennt, einige Deportierte wurden auf Nebenlager (Noé, Le Vernet, Les Milles, Rivesaltes, Récébédou) verteilt. An den Außenseiten der Ilôts befanden sich höher angelegte offene Latrinen, zu denen die Inhaftierten über die unbefestigten Wege durch Schlamm und Morast waten mussten. Die mangelnde Grundversorgung, Hunger, Nässe und Kälte sowie die fehlende Hygiene führten zur Verbreitung von Ungeziefer und zu Epidemien wie Ruhr, Typhus, Tuberkulose oder Gehirnhautentzündung. Unter diesem Martyrium starben schon bald vor allem ältere Menschen. Insgesamt fanden im Camp de Gurs 1.038 Menschen den Tod. Sie wurden auf dem Friedhof am Ende des Lagers beerdigt.

Rettungsaktionen im Lager Gurs

Nach Berichten über die miserablen Lebensbedingungen im Lager Gurs begannen 1941 verschiedene Organisationen mit Hilfsmaßnahmen und spendeten Lebensmittelpakete, warme Kleidung und Geld, um die Not etwas zu lindern. Einige jüdische Kinder konnten mit Hilfe des Kinderhilfswerkes OSE und der Quäker in Kinderheime oder bei französischen Familien untergebracht und so gerettet werden, ihre Eltern und Angehörigen mussten im Lager verbleiben. Wenige Lagerinsassen entgingen den folgenden Deportationen in die Vernichtungslager durch internationale Hilfsorganisationen oder persönliche Kontakte.
(siehe auch Dokumentation von Brigitte und Gerhard Brändle: Gerettete und ihre RetterInnen )

Transport in die Vernichtungslager

Nach der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 organisierte die NS-Führung die sogenannte "Endlösung der Judenfrage". Zwischen 1942 und 1944 wurden 3.907 in Südfrankreich verbliebene Badener Juden über die Zwischenstation des Sammel- und Durchgangslagers Drancy bei Paris in die deutschen Vernichtungslager im Osten nach Auschwitz, Lublin-Majdanek, Sobibor oder andere Lager transportiert. Die meisten von ihnen wurden kurz nach ihrer Ankunft dort ermordet. Von den nach Gurs deportierten badischen Juden überlebten nur einige wenige die Gräuel der Shoa.

Der Friedhof in Gurs

Camp de Gurs Friedhof

Der Friedhof in Camp de Gurs / Foto: Doro Treut-Amar

Nach der Befreiung wurde das Lager Gurs im Dezember 1945 aufgelöst. Der anfangs noch gepflegte Lagerfriedhof verwilderte in den 1950er Jahren. Nach dem Besuch einer christlich-jüdischen Delegation 1957 in Gurs, ergriffen als erste der Karlsruher Oberbürgermeister Günther Klotz und der Vorsitzende des Oberrats der Israeliten Badens, Otto Nachmann, die Initiative zur Instandsetzung und Pflege des Friedhofs. OB Günther Klotz bat die betroffenen Städte und Kreise um finanzielle Unterstützung zur Instandsetzung der Ruhestätte. 1961 übertrug der französische Staat das Gelände für 99 Jahre an den Oberrat der Israeliten Badens. Der renovierte Friedhof wurde am 26. März 1963 eingeweiht. Für viele Jahre finanzierte die Arbeitsgemeinschaft der badischen Städte Karlsruhe, Heidelberg, Freiburg, Mannheim und Pforzheim allein die Pflege. Heute gehören der Arbeitsgemeinschaft 16 Städte sowie der Bezirksverband Pfalz an. Die Aktivitäten der Arbeitsgemeinschaft werden von der Stadtverwaltung Karlsruhe unter der Leitung von Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup koordiniert.
2019 beschlossen die drei Bundesländer Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und das Saarland eine Vereinbarung zum Erhalt der etwa 2.000 Gräber der nach Südfrankreich deportierten Jüdinnen und Juden, die auf dem angrenzenden Lagerfriedhof und auf über 30 weiteren Friedhöfen bestattet wurden. Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann (Baden-Württemberg), Wissenschaftsminister Prof. Dr. Konrad Wolf (Rheinland-Pfalz) und Bildungsminister Ulrich Commerçon (Saarland) unterzeichneten eine entsprechende Vereinbarung, die am 9. September 2019 im Karlsruher Rathaus vorgestellt wurde.

Vereinbarung "Gedenken an die nach Frankreich deportierten Juden"

Gedenken

1994 wurde von französischer Seite zwischen dem Friedhof und dem Lagergelände zusätzlich ein "Memorial national" (nationale Gedenkstätte) zur Erinnerung und Mahnung an das vom Vichy-Regime begangene Unrecht errichtet. Am letzten Aprilsonntag jeden Jahres laden die badischen Städte zu einer Gedenkfeier nach Gurs ein. In Baden wird jeden Oktober und November an zahlreichen Orten mit Veranstaltungen an die Deportation 1940 erinnert. Alljährlich lädt die Arbeitsgemeinschaft der Städte, aus denen die Menschen 1940 nach Gurs transportiert wurden, gemeinsam mit dem Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden zu einer Gedenkveranstaltung nach Gurs ein, damit das Leiden in den Lagern nicht vergessen und die Erinnerung an das Ausmaß des nationalsozialistischen Terrorregimes als Mahnung von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Kontakt

Träger der Einrichtung
Gemeinde Gurs / Commune de Gurs
F-64190 Gurs
T  0033 559 661480

Kontakt-/ Verwaltungsadresse
Stadt Karlsruhe
Hauptamt
Rathaus am Marktplatz
76124 Karlsruhe

www.karlsruhe.de

Öffnungszeiten
Das Gelände ist frei zugänglich. Der Deportiertenfriedhof ist ein jüdischer Friedhof. Männer werden gebeten eine Kopfbedeckung zu tragen.

Dokumentation

Unterstützt von der IRG Baden haben Brigitte und Gerhard Brändle umfassend über die Rettungsaktionen im Lager Gurs recherchiert und stellen in ihrer Dokumentation “Gerettete und Ihre RetterInnen – Jüdische Kinder im Lager Gurs: Fluchthilfe tut not – eine notwendige Erinnerung“ die Biografien der 560 Kinder und Jugendlichen aus den Städten und Gemeinden Badens, der Pfalz und des Saarlands in den Mittelpunkt. Portraits, Bilder und Dokumente zeigen die Geschichte und die Geschichten der Geretteten. Viele Schicksale konnten erstmals dokumentiert werden. Ergänzt werden diese durch die Biografien ihrer meist unbekannten RetterInnen, die für die Rettungsaktionen ihre Freiheit und ihr Leben riskierten. Die Dokumentation wird laufend erweitert. Anhängend die neue Version: Brigitte und Gerhard Brändle: Gerettete und ihre RetterInnen

Anlässlich des 80. Gedenktags der Deportation nach Gurs hat das Landesarchiv Baden-Württemberg unter federführender Betreuung des Generallandesarchivs Karlsruhe und in Zusammenarbeit mit der IRG Baden begonnen, eine umfangreiche Datenbank mit Biogrammen der am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportierten 6.500 badischen, pfälzischen und saarländischen Juden zu erarbeiten, um die verstreuten Informationsangebote über die Gurs-Deportation zu bündeln und den deportierten Menschen ein Gesicht zu geben. Jedes einzelnen Menschen soll in seiner Individualität und Würde gedacht werden. Die Datenbank stützt sich dabei wesentlich auf die Forschungsergebnisse zahlreicher ehrenamtlicher Initiativen, Archive, anderer Kultureinrichtungen sowie Einrichtungen der historisch-politischen Bildungsarbeit in den Ländern Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Saarland und soll im Herbst 2021 fertiggestellt sein. Eine erste Vorschau-Version mit derzeit noch beschränkten Recherchefunktionen kann im Landeskundlichen Informationssystem Leo-BW unter: www.leo-bw.de/themen/gurs  eingesehen werden. In der endgültigen Version werden übergreifende Recherchen und Auswertungen nach Herkunftsort, Geschlecht, Alter, Berufen und weiteren Deportationszielen möglich sein. Angestrebt ist die Georeferenzierung aller Orte, aus denen die Menschen kamen und wohin sie gebracht wurden, um zu verdeutlichen, welchen enormen Aufwand die verantwortlichen deutschen Stellen mitten im Krieg unternahmen, um Menschen jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft quer von West- nach Osteuropa zu verschleppen mit dem einzigen Ziel, sie systematisch zu ermorden.

Die reproduzierte Liste der Deportierten aus Baden kann bei der Landesbibliothek Karlsruhe online eingesehen werden: "Verzeichnis der am 22. Oktober 1940 aus Baden ausgewiesenen Juden"

Das Landesarchiv Baden-Württemberg bewahrt umfangreiches Dokumentationsmaterial und wissenschaftliche Publikationen zur Aufklärung der jüdischen Schicksale während der NS-Zeit und zu Informationen zur Gurs-Deportation von 1940.

Anlässlich des 80. Gedenktags der Deportation im Oktober 2020 gaben die drei Bundesländer eine Wanderausstellung zum Thema bei der Gedenk- und Bildungsstätte "Haus der Wannseekonferenz" in Berlin in Auftrag. Diese Ausstellung wird voraussichtlich in über 30 Städten im Südwesten Deutschland und in französischen Städten zu sehen sein.

1946 nahm das Yad Vashem Archiv in Jerusalem offiziell seine Tätigkeit auf, um Zeugnisse über die Shoa zu sammeln, zu prüfen und zu archivieren. Dokumente von öffentlichen Einrichtungen, Forschern und Privatpersonen erreichen seitdem das Archiv, hinzu kommen Augenzeugenberichte und Material, das von Juden während des Krieges in Ghettos, Lagern und Verstecken gesammelt worden ist. Auch an vielen anderen Orten der Welt entstanden Dokumentationszentren und Archive, um die Geschehnisse an der jüdischen Gemeinschaft in Europa während der Shoa zu dokumentieren. Seit seiner Gründung ist das Yad Vashem Archiv bestrebt Dokumente, die mit der Shoa zu tun haben und in verschiedenen Archiven in Europa und weltweit aufbewahrt werden, zu kopieren und zu sammeln. Ein erfahrenerer professioneller Stab, zu dem Archivare, Historiker und Konservierungsspezialisten gehören, sorgt dafür die Dokumente für kommende Generationen zu erhalten und einen bequemen Zugang zum Archiv zu ermöglichen. Gefilmte Augenzeugenberichte von Überlebenden der Shoa sind einer der wichtigsten Komponenten bei der Bewahrung der Erinnerung an die Shoa und ihrer Übermittlung an kommende Generationen. Yad Vashems Sammlung historischer Fotografien aus der Zeit der Shoa ist mit mehr als 480.000 Bildern, etwa 500 Alben und 11.000 Sammlungen die größte der Welt. Diese und die Sammlung von Originalfilmen aus der Zeit der Shoa dokumentieren jüdisches Leben vor und während der Shoa - auch das in Baden, das Leben der Überlebenden nach dem Krieg und viele Bereiche mehr.

Herkunft der Deportierten

Am 22. Oktober 1938 wurden Juden aus folgenden badischen Städten und Landkreisen deportiert (Badische Landesbibliothek / Transportlisten 22. Oktober 1938):

  • Stadt Baden-Baden: 116 Personen
  • Landkreis Bruchsal: 123 Personen aus 9 Orten (Bruchsal, Gondelsheim, Heidelsheim, Langenbrücken, Mingolsheim, Odenheim, Östringen, Philippsburg, Untergrombach)
  • Landkreis Buchen: 115 Personen aus 22 Orten (Buchen, Adelsheim, Bödigheim, Eberstadt, Großeicholzheim, Hainstadt, Hardheim, Kleineicholzheim, Merchingen, Sennfeld, Sindolsheim, Walldürn)
  • Landkreis Donaueschingen: 2 Personen aus 2 Orten (Geisingen, Riedöschingen)
  • Landkreis Emmendingen: 68 Personen aus 2 Orten (Emmendingen, Kenzingen)
  • Landkreis Freiburg Stadt Freiburg im Breisgau: 403 Personen aus 4 Orten (Freiburg, Breisach, Eichstetten, Ihringen)
  • Landkreis Stadt Heidelberg: 364 Personen aus 10 Orten (Heidelberg, Baiertal, Eberbach, Leimen, Malsch, Meckesheim, Nußloch, Sandhausen, Walldorf, Wiesloch)
  • Stadt Karlsruhe: 893 Personen
  • Landkreis Karlsruhe: 101 Personen aus 8 Orten (Bretten, Ettlingen, Flehingen, Graben, Grötzingen, Jöhlingen, Malsch, Weingarten)
  • Landkreis Kehl: 68 Personen aus 5 Orten (Kehl, Appenweier, Bodersweier, Lichtenau, Rheinbischofsheim)
  • Stadt Konstanz: 108 Personen
  • Landkreis Konstanz: 314 Personen aus 7 Orten (Konstanz, Bohlingen, Gailingen, Hilzingen, Radolfzell, Randegg, Wangen (Öhningen))
  • Landkreis Lahr: 116 Personen aus 8 Orten (Lahr, Altdorf, Ettenheim, Friesenheim, Kippenheim, Nonnenweier, Rust, Schmieheim)
  • Landkreis Lörrach und Säckingen: 62 Personen aus vier Orten (Lörrach, Kirchen bei Lörrach, Schopfheim, Zell im Wiesental)
  • StadtMannheim: 1 983 Personen
  • Landkreis Mannheim: 116 Personen aus 8 Orten (Hemsbach, Hockenheim, Ilvesheim, Ladenburg, Lützelsachsen, Reilingen, Schwetzingen, Weinheim)
  • Landkreis Mosbach: 57 Personen aus acht Orten (Mosbach, Binau, Billigheim, Heinsheim, Neckarzimmern, Stein, Strümpfelbrunn, Zwingenberg)
  • ehemaliger Landkreis Müllheim: 30 Personen aus zwei Orten (Badenweiler, Sulzburg)
  • Landkreis Offenburg: 115 Personen aus vier Orten (Offenburg, Diersburg, Durbach, Gengenbach)
  • Landkreis Stadt Pforzheim: 192 Personen aus 2 Orten (Pforzheim, Königsbach)
  • Landkreis Rastatt und Bühl: 89 Personen aus 7 Orten (Rastatt, Achern, Bühl, Gernsbach, Hörden, Kuppenheim, Muggensturm)
  • Landkreis Sinsheim: 127 Personen aus 16 Orten (Sinsheim, Berwangen, Eppingen, Gemmingen, Grombach, Hoffenheim, Ittlingen, Neckarbischofsheim, Neidenstein, Obergimpern, Rohrbach b. S., Bad Rappenau, Schluchtern, Stebbach, Waibstadt, Wollenberg)
  • Landkreis Tauberbischofsheim: 94 Personen aus 10 Orten (Tauberbischofsheim, Dertingen, Freudenberg, Grünsfeld, Impfingen, Königheim, Külsheim, Messelhausen, Wenkheim, Wertheim)
  • Landkreis Villingen: 14 Personen aus 2 Orten (Villingen, Triberg)
  • Landkreis Waldshut: 7 Personen aus 2 Orten (Waldshut, Tiengen)
  • Landkreis Wolfach: 4 Personen aus zwei Orten (Haslach im Kinzigtal,Nordrach)

Wissens- und Sehenswertes zur Deportation und zum Internierungslager Gurs:

  1. Erhard Roy Wiehn (Hrsg.): Camp de Gurs. Zur Deportation der Juden aus Südwestdeutschland 1940. Hartung Gorre, Konstanz 2010,  ISBN 978-3-86628-304-6.
  2. Stefanie Gerlach, Frank Weber: „...es geschah am hellichten Tag!“ Die Deportation der badischen, pfälzer und saarländischen Juden in das Lager Gurs/Pyrenäen. Auflage. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Stuttgart 2005, DNB 960578366
  3. Oskar Althausen, Zeitzeugenbericht, lpb-bw.de
  4. „Ich weiß nicht, ob wir nochmals schreiben können.“ Die Deportation der badischen und saarpfälzer Juden in das Internierungslager Gurs in den Pyrenäen, LpB, Stuttgart 2010.
  5. Hanna Meyer-Moses: Reise in die Vergangenheit. Eine Überlebende des Lagers Gurs erinnert sich an die Verfolgung während der NS-Diktatur, Ubstadt-Weiher 2009.
  6. Paul Niedermann: Briefe – Gurs – Lettres, Erinnerungen – Mémoires (d/f), hrsg. v. Stadtarchiv Karlsruhe, 2011.
  7. Geschichte und Erinnerungskultur: 22. Oktober 1940 - Die Deportation der badischen und saarpfälzischen Juden in das Lager Gurs. Hrsg. vom Stadtarchiv Karlsruhe durch Ernst Otto Bräunche und Volker Steck, Karlsruhe 2010.
  8. Uri R. Kaufmann: Kleine Geschichte der Juden in Baden, Karlsruhe 2007.