Im Mühlacker Tagblatt erschien am 09.11.2020 der nachfolgende Artikel von Sina Willimek, der sich auf ein Interview mit dem Vorsitzenden der IRG Baden und der JG Pforzheim, Rami Suliman, stützt:

Dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Pforzheim, Rami Suliman, ist es wichtig, dass ein Akt des Gedenkens auch in Corona-Zeiten stattfinden kann. Dennoch sei es schade, dass die Feier, die eigentlich im Atrium des Volksbankhauses geplant gewesen wäre, nicht wie üblich durchgeführt werden könne. Nicht nur die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, sondern auch Schüler und Interessierte aus der gesamten Bevölkerung besuchten die Gedenkveranstaltungen nämlich regelmäßig. Aus Sicht des Vorsitzenden hat das jährliche Gedenken eine besondere Funktion, die weit über dessen Bedeutung für die jüdische Gemeinschaft hinausgeht:

„Wir wollen zeigen, dass wir uns auch in Zukunft gegen Hass und Antisemitismus einsetzen. Wir wollen nicht vergessen, was damals mit den Bränden passiert ist“, verweist er auf die alte Synagoge, die von Nationalsozialisten in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 verwüstet und in Brand gesteckt worden ist.

Nach der Schändung durch die Nationalsozialisten wurde das Gebäude abgerissen. Lediglich ein kleiner Teil der Beschläge der alten Türschlösser konnte versteckt werden und ist bis heute erhalten. Erst 2006, viele Jahre später, wurde schließlich eine neue Synagoge in Pforzheim eingeweiht.

Das Erinnern wie auch der Glaube leben vom gemeinschaftlichen Austausch, und so sieht Suliman auch das Ausüben der jüdischen Religion seit Monaten als schwierig an. Ein Beispiel ist der Kontakt in der Gemeinde, der durch Corona auf ein Minimum reduziert werden musste, wie er mit Bedauern feststellt. Trotz zahlreicher digitaler Angebote sowohl auf Landesebene als auch von vielen weiteren jüdischen Einrichtungen sei es schwierig, den Zusammenhalt innerhalb der Pforzheimer Gemeinde zu gewährleisten. „Ich befürchte, wir müssen schwer arbeiten, um Synagogen wieder als zweite Heimat zu gewinnen“, schildert Suliman seine Befürchtungen für die Zeit nach Corona.

„Wir sind wenige Juden in Pforzheim“, verweist er auf die rund 370 Mitglieder umfassende Gemeinde. Da sei es schwer, untereinander den Kontakt zu halten, denn Gemeinschaft sei in diesen Zeiten kaum möglich. „Jeder von uns ist ein Unikat, und nur wenn wir zusammen sind, können wir uns auch fühlen, miteinander sprechen, essen, beten. Für mich als Vorstand ist es sehr, sehr schwer, diese Gewohnheit aufzugeben.“ Den Mitgliedern gehe es hier nicht anders.

Obwohl Versammlungen in der Synagoge derzeit möglich wären – mit bis zu 50 Besuchern und Abstand – , verzichtet die Jüdische Gemeinde wegen der steigenden Corona-Fallzahlen vorerst auf die „G“ttesdienste“, wie die Zusammenkünfte zum Gebet auch geschrieben werden. Damit soll vermieden werden, dass der Name des Schöpfers ausgeschrieben und so möglicherweise einer Verunstaltung zugänglich gemacht wird. Vor drei Wochen habe man den Entschluss gefasst, die Synagoge aus Vorsicht zuzumachen, zumal auch viele ältere und damit besonders gefährdete Menschen der Gemeinde angehörten. Nach dem nächsten Treffen der Ministerpräsidenten, stellt Suliman in Aussicht, werde man erneut über eine Öffnung der Synagoge beraten. Doch fürs Erste gelte für ihn der Vorsatz, dass Gesundheit und Leben über allem anderen stünden.

Das Gedenken stellt für den Vorstand der Pforzheimer Jüdischen Gemeinde nicht zuletzt einen wichtigen Beitrag dar, den Herausforderungen der aktuellen Zeit zu begegnen. „Wir sehen den Terror in Frankreich, Wien, erst neulich in Lyon oder letztes Jahr in Halle.“ Manche Gemeindemitglieder hätten deswegen sogar Angst, zur Synagoge zu gehen. Andere würden die Gemeinde bitten, keine Post zu schicken, damit nicht etwa Dritte jüdische Symbole oder den Briefabsender erkennen können. „Viele wollen gar nicht als Juden anerkannt werden“, schildert der Vorstandsvorsitzende Erfahrungswerte aus der Pforzheimer Gemeinde. Er persönlich, sagt Suliman auf Nachfrage, fürchte sich nicht.

Für die Zukunft seien deutschlandweit umfassende Maßnahmen geplant, um Synagogen etwa durch Panzerglasscheiben zu sichern. Sehr handlungsfreudig und kooperativ zeige sich die Politik. Zudem steht eine weitere Maßnahme an: Man wolle, so Suliman, einen Vertrag für das Berufsbild des Polizeirabbiners unterschreiben, von dem in Baden als auch Württemberg jeweils einer eingesetzt werden solle. Ähnlich zum Berufsbild des Polizeiseelsorgers sei vorgesehen, die Polizeirabbiner besonders in den Bräuchen und Sitten des Judentums zu schulen und für seelsorgliche Aufgaben einzusetzen. Über eine Ausweitung dieser Idee über die Landesgrenzen hinaus, so der Vorsitzende, würde er sich in Zukunft sehr freuen.